Fachwissen

Vitiligo ist eine Hautkrankheit, deren Trägerinnen und Träger oft nichts unversucht lassen, diese loszuwerden, denn der Leidensdruck ist gross. TCM verspricht helfen zu können: Einzelne Spezialisten erwarten in 15-20% der Fälle totale Heilung und in weiteren 20-30% partielle Repigmentationen. Zusammen macht das bestenfalls also in 50% aller Fälle ein positives Ergebnis aus (oder umgekehrt: in 50-75% der Fälle ist nicht mit einer sichtbaren Veränderung zu rechnen (!).

Krankheitsbilder

Vitiligo FleckenVitiligo BläschenVitiligo BlasenVitiligo Torso

 

 

 

 

TCM vereint heutzutage klassische und moderne Behandlungsmethoden. Letztere werden häufig aus der westlichen Pharmakologie übernommen und adaptiert. In klassischer TCM stehen folgende Begriffe für Vitiligo:

  • Bai Dian Feng (Weissfleckenwind)
  • Bai Bo Feng (verschieden farbiger Wind)
  • Ban Bo (buntscheckig)
  • Ban Bai (weissscheckig)

Der klassische Zugang zur Behandlung der Vitiligo geschieht über die bekannte Syndromdifferenzierung. Folgende aetiologische Faktoren werden angetroffen:

  1. Windinvasion von aussen
  2. Leber-Qi-Stagnation
  3. Leber- und Nierenschwäche, Schwäche von Xue und Jing
  4. Blutstase

Demzufolge werden folgende Muster behandelt:

  1. Disharmonie von Qi und Xue / Stagnation des Leber-Qi
  2. Leber- und Nierenschwäche
  3. Obstruktion und Blutstase

Die genauere Betrachtung der dann angeführten Rezepturen zur innerlichen Behandlung lässt bei einigen Kräutern ein gewisses Nebenwirkungspotenzial erahnen, insgesamt erscheinen die Rezepturen aber harmonisch abgestimmt und der prozentuale Anteil an potentiell problematischen Kräutern ist klein.
Es wären an ev. problematischen Kräutern aufzuzählen (Liste nicht umfassend, da nicht alle Autoren berücksichtigt sind):

  • Angelica sinensis (Dang Gui) (s.Selleriegewächse und deren Allergiepotenzial)
  • Dictamnus (Bai Xian Pi) (diskutierte Lebertoxizität)
  • Lithospermum/Arnebia (Zi Cao) (Pyrrolizidinalkaloide)
  • Polygonum multiflorum (He Shou Wu)
  • Rubia (Qian Cao Gen)
  • Xanthium (Cang Er Zi)
  • Eupolyphaga (Tu Bie Chong)
  • Typhonium (Bai Fu Zi)
  • Tribulus (Bai Ji Li)
  • Angelica dahurica (Bai Zhi)

Empfehlungen zur äusserlichen (Begleit-)Behandlung haben nun aber Anlass zur Publikation dieses Artikels gegeben:

Einige der empfohlenen Mittel enthalten Furocumarine und diese wirken photosensitiv. Zu nennen wären da:

  • Psoralea (Bu Gu Zhi)
  • Angelica dahurica (Bai Zhi)
  • Angelica pubescentis (Du Huo)
  • Ficus carica (Feigenblätter)
  • Citrus aurantium (viele Citrusarten, Bergamotte)
  • Heracleum ssp (Bärenklauarten, Riesenkerbel)
  • Apium graveolens (Sellerie) 

Als weitere Mittel zur äusserlichen Anwendung sind zu finden: 

  • Rubia (Qian Cao Gen)
  • Adenophora (Sha Shen)
  • Portulaca (Ma Chi Xian)
  • Ophiopogon (Mai Men Dong)
  • Cassia tora (Jue Ming Zi)
  • Polygonum cuspidatum (Hu Zhang)
  • Mylabris (Ban Mao)
  • Cuscuta (Tu Si Zi)
  • Mume (Wu Mei)
  • Crataegus (Shan Zha)

 Diese Kräuter werden nun gern in Tinkturen zur äusserlichen Anwendung verarbeitet. Zur Zubereitung wird Alkohol (75-90%) empfohlen. Die Kräuter werden über Tage bis Wochen in Alkohol eingelegt.

Die Rezepte sind folgende:

  1. Bu Gu Zhi-Tinktur: Psoralea (Bu Gu Zhi) 200g, Mylabris 2g, 200ml Alkohol 75%
  2. Tu Si Zi-Tinktur: Cuscuta (Tu Si Zi) 200g, 400ml Alkohol 75%
  3. Wu Mei-Tinktur: Mume (Wu Mei) 200g, Mylabris (Ban Mao) 2g, 400ml Alkohol 90%

Der Autor meldet dazu:
In Fällen wo die Bu Gu Zhi-Tinktur zu stark ist (z.B. im Sommer), sollen schwächere Mixturen (z.B. Tu Si Zi-Tinktur oder Wu Mei-Tinktur angewandt werden.

Furocumarine

Furocumarine lagern sich aufgrund ihrer räumlichen Struktur zunächst nicht kovalent in die DNA von menschlichen Zellen ein (Adduktbildung). Unter UV-Strahlung kann das Addukt erneut ein Photon der UV-Strahlung absorbieren und es ergeben sich kovalente Bindungen (= Quervernetzungen) der DNA an den Pyrimidinbasen (hauptsächlich des Thymins). Bei gewissen Furocumarinen ist das öfters der Fall, z.B. bei Bergapten und Xanthotoxin. Ausser dieser Hauptwirkung können Furocumarine auch Wechselwirkungen mit RNA, mit Proteinen und Membranbestandteilen zeigen. Eine weitere Wirkung passiert unter UV-Strahlung, indem Furocumarine aktive Sauerstoffradikale bilden. Diese dürften für die enzymaktivierenden und membranzerstörenden Effekte mitverantwortlich sein. Resultat sind Rötung und Blasenbildung auf der Haut mit Schwellung, Juckreiz und verstärkter Pigmentierung (letztere über mehrere Monate). Besonders empfindlich sind wenig pigmentierte Hautstellen.
Eine Anwendung dieser Stoffe bei Vitiligo ist seit längerer Zeit im Gebrauch.

Ausser der akut phototoxischen Wirkung zeigen Furocumarine leider auch photocancerogene und photomutagene Effekte. Gewisse Furocumarine, nämlich monofunktionelle, welche nur an einem DNA-Strang andocken, können durch körpereigene Reparaturmechanismen leicht neutralisiert werden. Dagegen können bifunktionelle Furocumarine, welche an beiden DNA-Strängen anbinden, chronisch toxische Bedeutung haben, zumal sie zusätzlich auch immunsuppressive Wirkung (Hemmung der Lymphozytenproliferation und der Expression von Interleukinrezeptoren) zeigen.

Nach peroraler Gabe oder über die Haut werden Furocumarine schnell resorbiert und abgebaut. Die Metaboliten werden innerhalb weniger Stunden im Urin ausgeschieden.

Photodermatosen geschehen vor allem im Kontakt von Furocumarinen mit feuchter Haut und natürlich zusätzlicher UV-Exposition. Am bekanntesten sind die Reaktionen bei Riesenkerbel (Heracleum mantegazzianum). Aber auch andere Bärenklau-Arten können ein solches Bild zeigen.

Bekannt ist auch die sog. Selleriedermaitis, die bei häufigem Umgang mit pilzinfizierten Selleriepflanzen auftritt. Da die Pilze gern bei der Lagerung wachsen, steigen die Werte für den Furocumaringehalt dabei an.

Kosmetika und Bräunungsmittel enthalten manchmal Furocumarine. Das Einreiben derselben und anschliessender Aufenthalt im Solarium kann zu schweren Verbrennungen führen.

Wichtigste Furocumarinquelle in der Nahrung ist gelagerter Sellerie. Beim Konsum grösserer Mengen kann die Furocumarinaufnahme beinahe die bei der PUVA-Therapie angewendete Dosis erreichen.
Der in Nigeria gehäuft anzutreffende Leberkrebs wird u.a. auf den hohen Furocumaringehalt in der Nahrung zurückgeführt.

Psoralea (Bu Gu Zhi)

Psoralea enthält grosse Mengen an linearen und angulären Furocumarinen.

Liest man die primäre Literatur zu Psoralea, so wird empfohlen, Lichtexposition zu meiden, wohlwissend, dass die in Psoralea enthaltenen Furocumarine eine phototoxische Reaktion auslösen können. Das genaue Gegenteil wird aber nun in der Dermatologie empfohlen: Patienten sollen nach der Aufnahme per os oder nach der Applikation auf der Haut UV-Licht ausgesetzt werden und die phototoxische Reaktion ist gewollt.

Die westliche Medizin macht sich diese Reaktion in der sog. PUVA-Therapie zunutze. Das P in PUVA steht für Psoralen und der Rest für die UV-A-Strahlung. Letztere ist für die Haut (bezüglich der Entwicklung eines Hautkrebses) weniger schädlich als UV-B-Strahlung. 8-Methoxy-Psoralen wird circa eine Stunde vor der Bestrahlung in Form einer Tablette den Patienten gegeben, sodass sich das Mittel im Körper verteilt und somit auch in die Haut geht. Heutzutage wird auch die Balneo-PUVA-Therapie angeboten. 8-Methoxy-Psoralen wird nicht mehr als Tablette, sondern ins Badewasser gegeben. Nach circa 15 Minuten Bad wird der Patient mit UV-A behandelt. Die PUVA-Therapie findet vor allem in der Behandlung der Psoriasis (Schuppenflechte) schulmedizinische Anwendung, denn das Mittel stoppt auch die Zellteilung und die krankhafte Schuppenbildung wird behindert. Bei der Vitiligo wird der melanozytenstimulierende Effekt ausgenutzt.

Psoralea (Bu Gu Zhi) ist von den topisch eingesetzten Mittel das meistgebrauchte, weil potenteste. Als weitere wären zu nennen:

Mylabris (Ban Mao)

Mylabris cichorii wird zum Teil ähnlich gebraucht wie die Spanische Fliege Lytta vesicaria. Mylabris entstammt zwar nicht der Käferfamilie Cantharidae wie die Spanische Fliege, sondern der Familie der Ölkäfer Meloidae. Sie enthält aber ebenfalls Cantharidin und wird auch als Potenzmittel eingesetzt. Cantharidin führt zu langanhaltenden und schmerzhaften Erektionen und seine Anwendung ist problematisch. Auch die Chinesische Medizin bezeichnet dieses Mittel als toxisch. 30mg Cantharidin sollen bereits tödlich sein. Innere und äussere Epithelien werden stark gereizt und es kommt zu Rötungen und Blasenbildung auf der Haut und auf Schleimhäuten. Auch auf den Nieren- und Harnwegsepithelien wirkt Cantharidin bei oraler Einnahme reizend und es kann zu Nierenversagen kommen.

Angelica dahurica (Bai Zhi)

Aufgrund seines Gehaltes an Furocumarinen kann dieses Mittel phototoxisch wirken.

Anthrachinonhaltige Pflanzen:

Cassia tora (Jue Ming Zi), Polygonum cuspidatum (Hu Zhang) und Rubia (Qian Cao Gen) enthalten keine Furocumarine, aber unter anderem Anthrachinone. Bekanntlich addieren beide an die DNA und sie werden dies höchstwahrscheinlich unter UV-Einfluss bevorzugt tun. Man findet denn auch tatsächlich Literatur, dass auch Anthrachinone sich phototoxisch verhalten können, wenn auch in schwächerem Ausmass als Psoralea das tut. Rubia ist steht zusätzlich wegen Lucidin und Rubiadin unter strenger Beobachtung bei den Toxikologen, weil diese Stoffe cancerogen wirken.

Weitere äusserlich angewandte Mittel

Prunus Mume (Wu Mei), Crataegus (Shan Zha), Portulaca (Ma Chi Xian) und Cuscuta (Tu Si Zi) scheinen kein phototoxisches Potenzial zu bergen.

Fallbeispiel:

Die Patientin, von der hier die Rede ist, bekam eine Bu Gu Zhi-Tinktur, die mit weniger Rohdroge als in der Literatur empfohlen angesetzt wurde. Damit sollte sie die weissen Flecken bestreichen und sich nachher der Sonne aussetzen. Das Resultat waren ausgedehnte Blasen und eine starke Rötung. Der unangenehme Prozess endete vorläufig mit wüsten braunen Rändern und die weissen Flecken blieben, wie sie vordem waren. Aus dem Fall kann folgende Lehre gezogen werden:

Die Wirkstoffkonzentration an Psoralen ist nicht bekannt und schwer abschätzbar. Eine Standardisierung kann so nicht erreicht werden. Auch die Intensität der Sonneneinstrahlung ist schwer messbar.
Zumindest hätte ein vorsichtiges Eintitrieren stattfinden sollen, indem probatorisch nur eine kleine Hautstelle an einer unscheinbaren Lage behandelt hätte werden dürfen. Die Applikation des Mittels hätte wohl auch primär nicht durch die Patientin selbst, sondern durch den Therapeuten geschehen sollen. Peinlich genau hätte darauf geachtet werden müssen, dass ja nichts von dem Mittel über den Rand der weissen Flecken hinausgeraten hätte dürfen.
Auch in der standardisierten PUVA-Therapie wird die Menge an Psoralen eintitriert und die Strahlung erst mit der Zeit verstärkt oder die Expositionsdauer verlängert.

Immerhin darf nach dem aufgetretenen Schaden erwartet werden, dass laut Literatur die unschönen braunen Ränder nach mehreren Monaten ausbleichen und dann ein Zustand erreicht wird, wie er vor der Behandlung existierte.

Autoren: Owi Nandi, Dr. phil. II, Severin Bühlmann, September 2004

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