Fachwissen

Einleitung:

Immer wieder mal ist von der Toxizität von chinesischen Kräutern die Rede. Aber leichthin wird dabei oft vergessen, dass ein Kraut einmal giftig wirken kann und ein anderes Mal genau die gegenteilige Wirkung hat, nämlich vor Vergiftungen schützt, oder wichtige Lebensfunktionsparameter verbessert, zum Beispiel die Nieren- oder die Leberfunktion. Professor Rainer Nowack aus Deutschland hat einige chinesische Kräuter näher recherchiert und kommt zum Schluss, dass es Sinn macht, wenn Kräuter der TCM genauer auf ihre nierenfunktionsverbessernden Eigenschaften überprüft würden, da es berechtigte Anhaltspunkte für diese positiven Eigenschaften gibt. Er nennt Kräuter wie Huang Qi (Astragalus), Dang Gui (Angelica sinensis) und das in der TCM und auch in der westlichen Pharmakologie sehr kontrovers beurteilte Lei Gong Teng (Tripterygium wilfordii).
Die Artikel dazu kann man hier in einer kurzen Zusammenfassung finden: www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0033-1349782 und www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0034-1371742. Leider lässt es der Verlag nur gegen Bezahlung zu, dass man den Volltext lesen darf.

Definition:

Unter toxischer Nephropathie versteht man jede funktionelle oder morphologische Veränderung der Niere, die durch Aufnahme eines Wirkstoffes ausgelöst wird.

Nephrotoxine:

Nephrotoxine können unter folgenden Substanzklassen gefunden werden:

  • Schwermetalle
  • Pflanzen- und Tiergifte
  • Pestizide
  • Medikamente (Antibiotika, Analgetika, Krebsmittel, Methämoglobinbildner, Immunkomplexbildner, Antiepileptika)
  • Stoffe, die Oxalate bilden
  • Lösungsmittel
  • Diagnostische Substanzen (Kontrastmittel etc.)

Die Niere ist ein kompliziertes Organ und Toxine können an vielen Stellen wirksam werden. Pathologische Veränderungen lassen sich relativ leicht und früh erkennen (durch physikalische, chemische, immunologische u.a. Untersuchungen des Urins oder des Blutes). Von allen Körpergeweben wird die Niere am besten durchblutet, nämlich etwa 50 mal mehr als jedes andere Organ ausser der Lunge). Somit werden der Niere Giftstoffe in etwa der 50fachen Höhe der ‚normalen' Geweberate zugeführt.
Die Menge der gelösten Substanzen, die den renalen Kreislauf via Glomerulus und Tubulusapparat verlässt, ist etwa 100 Mal so gross wie die mittlere Konzentration in anderen Organen. Darum erhält die Niere einen überproportionalen Anteil von Wirkstoffen. Die Nieren produzieren in den Glomeruli täglich etwa 150 Liter Primärharn. Das Mass für diese Leistung wird Glomeruläre Filtrationsrate (GFR) genannt. 99% dieser Menge wird in den Nierentubuli wieder zurückresorbiert, sodass am Schluss täglich etwa 1,5 Liter Endharn anfallen und ausgeschieden werden. Das im Blut einfach zu bestimmende Kreatinin ist ein ungefähres und praktisches Mass zur Schätzung der GFR.
Die Nierentubuli holen nicht nur 99% des Wassers wieder aus dem Primärharn zurück, sondern beispielsweise auch 99% des Natriums und der Aminosäuren, 88% des Kaliums, 100% Glukose, 60% Harnstoff etc. Die Oberfläche des Tubulusapparates wird einer 300-fachen Plasmakonzentration an filtrierten Molekülen ausgesetzt. Andere Gewebe konzentrieren Stoffe höchstens 4-fach. Im Tubulusapparat werden Substanzen von ihrer Proteinbindung getrennt.

Die meisten Nierengifte wirken direkt zelltoxisch. Einige wirken indirekt. Ein Beispiel für einen indirekten Mechanismus ist zum Beispiel die Wirkstoffkombination Milch + Vitamin D (und Analoga) + alkalische Substanzen. Diese machen Nierensteine, welche schädigend wirken können.
In Kliniken sind Antibiotika zu 25% verantwortlich für akute Nierenversagen. Schmerzmittel und NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika wie Diclofenac (Voltaren etc.) und andere sind in bis zu 20% verantwortlich für Nierenversagen. Gewisse Schwermetalle wie Blei schädigen die Nieren, indem sie die Trennung der Proteine von den Giftstoffen erschweren.

Eine kurze Zusammenfassung einiger TCM-Kräuter, bei denen bei unsachgemässer Anwendung eine Schädigung der Niere auftreten kann:

Bei den nicht akuten Nebenwirkungen von Heilpflanzen sind am häufigsten die Leber und die Niere betroffen. Die in westlichen Sprachen publizierten Daten zu Nebenwirkungen von chinesischen Heilpflanzen konzentrieren sich auf wenige Einzeldrogen, wie Radix Aristolochiae, Radix Aconiti, Ephedra, Radix Salviae miltiorrhizae (Interaktionen mit Antikoagulantien) und Cortex Dictamni (mögliche Leberreaktionen). In der chinesischen Literatur ist jedoch eine weitaus grössere Anzahl von unerwünschten Arzneimittelwirkungen publiziert worden. Diese Publikationen sind jedoch Nicht-Chinesen bisher nur sehr bruchstückhaft zugänglich. Der weitaus grösste Teil dieser Nebenwirkungen ist vorübergehender Natur oder betrifft allergische Reaktionen.

In der chinesischen Literatur werden immer wieder auch schwere Nebenwirkungen, zum Teil mit Todesfolge publiziert. Hierbei handelt es sich oft um Fälle, in denen (meist durch nicht sachkundige Selbstmedikation) eine zu grosse Dosis (grösser als die in der chinesischen Standardliteratur empfohlene Höchstdosis) eingenommen worden ist. Dieser Fall scheint in China häufiger aufzutreten als im Westen. Angesichts der immensen Anzahl der Patienten, die in China traditionelle Medikamente einnehmen, kann die chinesische Medizin aber durchaus als sehr sicher gelten.

Kräuter mit dem Nebenwirkungspotenzial für Nierenschädigung:

KräuternameKommentar
Pulsatillae Radix (Bai Tou Weng)  
Isatidis tinctoriae Radix, Isatidis indigoticae Radix (Ban Lan Gen) und Isatis tinctoriae Folium, Isatis indigoticae Folium (Da Qing Ye) Dieses hervorragende antivirale Kraut, wurde in China zum Beispiel während der SARS-Epidemie sehr häufig verschrieben.
Mylabris cichorii (Ban Mao)  
Psoralae corylifoliae Fructus (Bu Gu Zi)  
Xanthii sibirici Fructus (Cang Er Zi)  
Aconiti kusnezoffii Radix (Cao Wu)  
Platycladi orientalis Cacumen (= Biotae orientalis Cacumen) (Ce Bai Ye)  
Bupleuri chinensis Radix, Bupleuri scorzonerifolii Radix (Chai Hu): Die Droge kann leicht toxisch wirken.
Hydnocarpi antihelminticae Semen (Da Feng Zi)  
Allii sativi Bulbus (Da Suan, Knoblauch): Aufpassen bei konzentrierten Knoblauchauszügen. Es empfiehlt sich, bei dieser hervorragenden Heilpflanze den gewöhnlichen rohen Knoblauch zu verwenden.
Eugeniae caryophyllatae Flos (=Syzygii aromatici Flos) (Ding Xiang) (Gewürznelke)  
Cordyceps sinensis (Dong Chong Xia Cao)  
Aristolochiae fangchi Radix (Guang Fang Ji), Aristolochiae debilis Caulis (Guan Mu Tong) Aristolochiae debilis Fructus (Ma Dou Ling) und andere Aristolochiaarten Signikant nephrotoxisch und carcinogen (Urothelcarcinome).
Podophylli emodi var. chinensis Radix (Gui Jiu): Stark toxisch und signifikant nephrotoxisch.
Hippocampus keloggii (Hai Ma) (Seepferdchen): Sowieso kaum verkehrsfähig, da geschützte Tierart.
Magnoliae officinalis Cortex (Hou Po)  
Polygoni cuspidati Rhizoma, Polygoni reynoutriae Rhizoma (Hu Zhang)  
Dioscoreae bulbiferae Rhizoma (Huang Yao Zi): Die Droge kann in hohen Dosen leber- und nephrotoxisch sein.
Tripterygii wilfordi Radix (Lei Gong Teng): Stark toxisch
Aloes verae Resina (Lu Hui): Nicht zu verwechseln mit Aloe vera-Blattsaft, der der Grund für die zur Zeit hohe Popularität dieser Pflanze ist (s.o.).
Sterculiae scaphigerae Semen (Pang Da Hai): Enthält cyclopropenoide Fettsäuren, diese sind für den Zellmembranstoffwechsel problematisch, was wahrscheinlich ein Grund für die Nephrotoxizität darstellt.
Arecae catechu Semen (Bing Lan)  
Senecionis scandentis Herba (Qian Li Guang): Wegen hohem Pyrrolizdinalkaloidgehalt ohnehin in der Schweiz nicht einsetzbar.
Homalomenae occultae Rizoma (Qian Nian Jian)  
Pharbitidis nil Semen (Qian Niu Zi)  
Cinnamomi cassiae Cortex, Cinnamomi loureirii Cortex, Cinnamomi cassia Ramulus (Rou Gui, Gui Zhi)  
Cremastrae variabilis Psuedobulbus (Shan Ci Gu): Relativ stark toxisch aufgrund des Gehaltes an Colchizin. Niedrige therapeutische Breite. Die ebenfalls gebrauchte Iphigenia indica ist auch stark toxisch, eventuell besser ist Pleiones bulbocodoidis Bulbus, das ebenfalls unter dem Namen Shan Ci Gu gebraucht wird.
Quisqualidis indicae Fructus (Shi Jun Zi)  
Hirudo nipponica, Whitmania pigra (Shui Zhi)  
Pini tabulaeformis Lignum, Pini massonianae Lignum (Song Jie)  
Clematidis Radix (Wei Ling Xian)  
Scolopendra spinipes (Wu Gong)  
Abri precatorii Semen (Xian Si Zi)  
Bruceae javanicae Fructus (Ya Dan Zi)  
Corydalidis yanhusuo Rhizoma (Yan Hu Suo) Langzeitanwendung kann toxisch für Herz und Nieren sein.
Daturae metel Flos (Yang Jin Hua): Nebst anderweitiger Toxizität (Atropin, Scopolamin...) (s.o.) auch nephrotoxisch.
Daphne genkwae Flos (Yuan Hua): Relativ stark toxisch
Gleditsiae Spina (Zao Jiao )  


Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind noch zahlreiche selten gebrauchte und im Westen kaum erhältliche Drogen der TCM nephrotoxisch.

Empfehlungen an Ärzte und Therapeuten, um Nebenwirkungen (insbesondere nephro- und hepatotoxische) zu verhindern:

  • Patienten sollten mündlich oder schriftlich auf mögliche Nebenwirkungen aufmerksam gemacht werden (Packungsbeilage: Für TCM-Mittel genereller Art)
  • Bei problematischen Kräutern sollte eine engmaschige Überwachung stattfinden
  • Unter Umständen sollten Leber- und/oder Nierenparameter vor Beginn, während und nach vollendeter Therapie laborchemisch erhoben werden.
  • Als Warnzeichen sollten gelten: Spannungsgefühl im Oberbauch, Erbrechen, Nausea, Schwindelgefühl, Appetitverlust, Gelbfärbung der Haut oder der Bindehaut der Augen, Blut im Stuhl oder Urin, Ausschläge und Reaktionen allergischer Natur. Beim Vorliegen eines oder mehrerer dieser Symptome sollte der Patient die verschriebene Rezeptur sofort stoppen und sich an den behandelnden Arzt oder Therapeuten wenden.
  • Hohe Dosen und Langzeitanwendung sind zu vermeiden.

Autoren: Owi Nandi, Dr. phil. II, Severin Bühlmann, Oktober 2004

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