KarteDie Olympischen Spiele in Peking sind vorüber. Die Medienpräsenz, die das politische und sportliche China während Wochen hatte, mag folgende Fakten etwas in den Hintergrund gedrängt haben. China ist ein Riesenland. Es ist 240mal so gross wie die Schweiz, und hat 180mal so viele Einwohner. China ist heute vor allem als Exportland günstiger Konsumgüter bekannt, die wir zu unserem Glück alle brauchen. Der hier vorliegende «Brief an die Freunde des Botanischen Gartens» soll daran erinnern, dass China der übrigen Welt neben Seide und Schwarzpulver auch wertvolle Pflanzen geliefert hat. Die Karte auf der Rückseite dieses Blattes nennt einige uns bekannte Zier- und Nutzpflanzen, die auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten aus China zu uns gelangt sind. Wohl schon vor 2000 Jahren gelangten z.B. Pfirsich und Zitrone über die Seidenstrassen nach Vorderasien und Europa. Beim Pfirsich nahm man dann fälschlicherweise an, dass er aus Persien stammte, das war aber nur eine der letzten Stationen auf der Seidenstrasse von China in den Westen. Viele der heute im Mittelmeerraum und anderswo kultivierten Zitrusgewächse (also auch Orange = Chinaapfel und Mandarine) stammen aus China! Andere chinesische Gehölze wie Ginkgo (Ginkgo) und Kaiserbaum (Paulownia) wurden als Parkbäume zuerst von den Japanern gepflegt und kamen erst von dort in den Westen. Der Ginkgo erreichte Europa rechtzeitig, so dass er als kräftiger Baum in Jena auch Goethe inspirieren konnte. Ein eigentlicher Exportboom chinesischer Zierpflanzen setzte mit den Sammelreisen von Pflanzenjägern wie Robert Fortune und Ernest H. Wilson im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein. Diese reisten im Auftrag europäischer und nordamerikanischer Gärtnereien auch in entlegenere Gebiete von China. Viele Rhododendren und Azaleen (beides Gattung Rhododendron), ebenso zahlreiche Primeln und andere Zierpflanzen wie Glycine (Wisteria), Weigelie (Weigela) und Herzblume («tränendes Herz», Dicentra) verdanken wir nicht nur der Sammeltätigkeit dieser Pflanzenjäger, sondern auch der Offenheit der damaligen chinesischen Kaiser, die diese Pflanzenräuberin ihrem Land gewähren liessen. Wer das nächste Mal eine köstliche Kiwifrucht verspeist, sollte auch daran denken, dass geschäftstüchtige Neuseeländer die ursprünglich chinesische Pflanze (Actinidia chinensis, A. deliciosa) in ihr Land importierten und dort in Plantagen zu kultivieren begannen. Das passierte erst vor gut hundert Jahren! Auf der China-Karte sind für einige Pflanzen die Jahre angegeben, in welchen sie nach Europa eingeführt worden sind. So gelangte der Götterbaum (Ailanthus altissima) schon 1751, der Sommerflieder oder Schmetterlingsstrauch (Buddleia davidii) erst 1889 nach Europa. Heute sind beide in Europa vielerorts verwildert. Wir sind stolz, dass im Botanischen Garten Zürich mit dem Chinesischen Tulpenbaum (Liriodendron chinense) und der Zapfennuss (Platycarya strobilacea) zwei Bäume gedeihen, die sonst in Pärken und Gärten kaum zu sehen sind. In China leben heute noch Gehölze, die vor Jahrmillionen auch in Europa gediehen. Dazu gehören die aus Europa nur fossil bekannten Gattungen Ginkgo, Urweltmammutbaum (Metasequioa), Tulpenbaum (Liriodendron) und Korkbaum (Phellodendron). Diese sind spätestens während den Eiszeiten bei uns ausgestorben. Erst mit der Wiedereinfuhr aus China erfreuen sie sich bei uns einer «Renaissance».

Alex Bernhard & Rolf Rutishauser
Nachtrag: Das Ginkgoblatt ziert als Emblem der Vereinigung der Freunde des Botanischen Gartens Zürich auch diesen Gartenbrief. Mit 30 Franken pro Jahr werden Sie Mitglied dieser Nonprofit-Organisation. Besuchen Sie die neu gestaltete Website: www.freundebgz.ch