Zimtsterne enthielten zu viel Cumarin und das führe zu Leberschäden und zudem sei es ein Krebsrisiko, berichteten neulich der Kassensturz, die Sonntagszeitung und der K-Tipp. Cumarin kommt in Zimt vor und die hohen Werte ergeben sich deshalb, weil zunehmend der cumarinarme, aber teure Ceylon-Zimt mit billigem, aber cumarinreichem Cassia-Zimt gestreckt wird. Migros nahm darauf seine Zimtsterne aus dem Sortiment.

ZimtsterneSoweit die Presse. Weil wir in der TCM Cassia-Zimt verwenden, besteht die Gefahr, dass auch wir von dieser Negativmeldung betroffen sind. Man ist also genötigt, sich des Themas anzunehmen.
Die Leute bei Complemedis AG wissen seit vielen Jahren, dass Cumarin in Zimt enthalten ist und selbstverständlich ist auch gut bekannt, welche Zimtarten die Firma handelt. Bereits vor längerem hatte nämlich Complemedis AG die Firma Phytax GmbH damit beauftragt, im Zimt-Dschungel mal den Durchblick zu verschaffen. Somit können wir hier schnell auf unsere Datenbank zurückgreifen und diese sagt Folgendes:

Die chinesische Pharmakopöe erlaubt in den Produkten Cortex Cinnamomi (Rou Gui) und Ramulus Cinnamomi (Gui Zhi) die botanische Art Cinnamomum cassia Presl.
Bensky sagt, dass alternativ zu dieser botanischen Art auch Cinnamomum cassia, var. macrophyllum eingesetzt wird und alle andern Arten Verfälschungen sind, nämlich:

  • Cinnamomum burmannii
  • Cinnamomum tamala
  • Cinnamomum bejolghota
  • Cinnamomum austro-sinense
  • Cinnamomum japonicum
  • Cinnamomum wilsonii
  • Cinnamomum mairei
  • Cinnamomum subavenium

Alternative Namen für Rou Gui sind:

  • Da Gui
  • Guan Gui
  • Tong Gui
  • Yu Gui

Die Inhaltsstoffe unterscheiden sich bereits bei diesen wenigen Arten beträchtlich. So beträgt beispielsweise der Anteil von Cinnamaldehyd am ätherischen Öl bei den erlaubten zwei Arten 50-77% und bei andern viel weniger, mitunter nur um 1%.
Will man die Qualität dieser Produkte quantitativ messen, soll man einen Gesamtgehalt an ätherischen Ölen erhalten, der >1% ist und davon sollen also >50% auf das Cinnamaldehyd fallen.

In China werden hauptsächlich zwei Qualitäten von Rou Gui auf dem Markt gefunden: die eine stammt aus China selbst und diese trägt den Namen Guo Chan Gui oder Xi Gui. In diese Gruppe gehören die Produkte Qi Bian Gui, Ban Gui, Huang Yao Gui, Gui Tong, Gui Xin, Gui Sui.
Die zweite Gruppe stammt aus Südostasien (Vietnam etc.) und wird als wertvoller betrachtet als die chinesische Gruppe und sie heisst Jin Kou Gui oder An Nan Gui. Hierher gehören Sorten wie Qing Hua Gui, Qi Bian Gui, Gui Nan, Jia Gui und Tong Gui.

Für Ramulus Cinnamomi (Gui Zhi) nennt Bensky keine Alternative und keine Verfälschung, nur einen alternativen Namen Liu Gui.

Cumarin ist ein Naturstoff, der in der Pflanzenwelt weit verbreitet ist. Je empfindlicher das Testsystem ist, umso mehr wird man damit fündig. Nebst Cinnamon enthalten unter anderen folgende Pflanzen der TCM Cumarin:

  • Agrimoniae, Herba (Xian He Cao)
  • Artemisiae anomalae, Herba (Liu Ji Nu)
  • Artemisisae argyi, Herba (Ai Ye)
  • Astragali, Radix (Huang Qi)
  • Jujubae, Fructus (Da Zao)
  • Prunellae, Spica (Xia Ku Cao)

Die Bezeichnung Cassia-Zimt, den die Presse verwendet, ist natürlich botanisch nicht korrekt. Man muss annehmen, dass damit die Zimtsorten aus China und Südostasien gemeint sind. Wenn weiter berichtet wird, dass in diesen Zimtsorten hohe Cumaringehalte gemessen wurden, dann stammt das Produkt wahrscheinlich oft von Cinnamomum cassia, also genau der Art, die in der TCM verwendet wird, denn wir wissen, dass diese einen rund 10 mal höheren Gehalt an Cumarin aufweist als der Ceylon-Zimt. Botanisch ist letzterem Cinnamomum zeylandicum = Cinnamomum verum zuzuordnen. Daten zu den Cumaringehalten anderer Cinnamon-Arten aus Südostasien sind uns bis dato nicht bekannt.

Besser bekannt ist die Tatsache, dass der Zeylon-Zimt etwa 5-10% Eugenol enthält, wogegen dieses in Cassia-Zimt nur in Spuren vorhanden ist. Eugenol ist ein Phenylpropan (siehe auch unser Kapitel ‚Phenylpropanderivate' in ‚Sicherheit in der chinesischen Arzneimitteltherapie', Herausgeber: SBO-TCM). Eugenol kommt in Gewürznelken vor, aber auch in Basilikum, Lorbeer oder Muskat. Im Tierversuch wirkt Eugenol carcinogen und mutagen. Deshalb wird dieser Stoff oft als problematisch diskutiert. Würde man diese Warnungen genauso ernst nehmen wie diejenigen zu Cumarin, müsste man sagen, dass Zeylon-Zimt dem Cassia-Zimt aufgrund dessen weit höheren Eugenol-Gehaltes an toxischem Potenzial ebenbürtig ist.

Cinnamomum cassiae enthält zudem etwa viermal mehr Schleimdrogen als Cinnamomum zeylandicum. Schleimdrogen werden als der Gesundheit zuträglich betrachtet.

Wiederum kontrovers beurteilt werden Cinnamaldehyde, welche in den diskutierten Zimtarten etwa die Hälfte der ätherischen Öle ausmachen. Während einige ein toxisches Potenzial wittern, konnten andere zeigen, dass Cinnamaldehyde und Eugenol als bekannte Pestizide und Fungizide, bzw. Antibiotika äusserst günstige Wirkungen zeigten. So vermochten sie Helicobacter zu bekämpfen, ohne Resistenzprobleme zu erzeugen.

Die Behauptung, Cumarin verursache Krebs, ist für den Menschen nicht belegt und schon gar nicht für Zimt, egal welcher Herkunft. Diesen Schluss lässt nicht nur die Lektüre der Hintergrundsberichte und die Originalarbeiten zu, die hinter diesen stecken und die den Journalisten als Grundlage für ihre reisserischen Berichte dienten, sondern sie stützen sich auch auf prominente Experten. Anlässlich eines Telefongesprächs mit Herrn Behr vom Bundesamt für Gesundheit schätzte dieser das Krebsrisiko für Cumarin als nicht erwiesen ein.
Wir wissen heute sehr gut, dass Reagenzglastests und Tierversuche oft nur die halbe Wahrheit oder noch weniger zeigen. Wo man es mit Pflanzen und deren Wirkstoffen zu tun hat, muss man diese als Vielstoffgemische betrachten und überdies den Menschen als einen Chemiereaktor, der auch von Individuum zu Individuum verschieden tickt. So passieren Interaktionen zwischen einzelnen Wirkstoffen unter sich allein schon und noch komplexere Vorgänge spielen sich im Individuum ab, das so ein Wirkstoffgemisch inkorporiert. Die Wissenschaft versucht mit statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen das Risiko zu eruieren, das ein einzelner Wirkstoff einer ganzen Population antun kann.
Wirkstoffe können sich gegenseitig neutralisieren, aber auch ihre Wirkung addieren oder sogar potenzieren. Ein Beispiel dazu: Boswelliasäuren, anscheinend das aktive Prinzip im Weihrauch, haben einen günstigen Einfluss auf rheumatische Krankheiten, Morbus Crohn und sogar auf Tumoren verschiedener Lokalisation. Sie werden aber im Körper nur aufgenommen, wenn man sie mit oder nach einer fettreichen Mahlzeit einnimmt, d.h. wenn Gallensäuren ausgeschüttet werden, die den Weihrauch aufzunehmen vermögen.
Solche und ähnliche Mechanismen gibt es in der Natur zuhauf. Wirkstoffe, die in der Lage sind, DNA aufzubrechen, werden immer als gefährlich eingestuft. Ob sie aber überhaupt an diese rankommen, ist oft fraglich, denn es kann gut sein, dass sie auf dem Weg dorthin von andern Naturstoffen oder der körpereigenen Abwehr abgefangen und unschädlich gemacht werden. Und wenn ihnen das Durchkommen mal gelingt, hat der Körper immer noch die Möglichkeit, DNA zu reparieren, denn es gibt Mechanismen, die solche DNA-Brüche erkennen und helfend einschreiten.
Zimt wird neuerdings als Kapseln angeboten und es wird empfohlen, davon täglich eine bestimmte Menge einzunehmen. Studien konnten zeigen, dass damit das Blutzuckerprofil günstig beeinflusst werden kann. Ob auch bewiesen werden konnte, dass die damit arbeitenden Patienten sich besser fühlen oder eine längere Lebenserwartung haben, ist eine andere Frage. Tatsache ist nun aber, dass es Diabetiker gibt, die Zimt täglich in grösseren Mengen einnehmen. Damit nehmen sie auch grössere Mengen an Cumarin zu sich und das Bundesamt für Gesundheit wittert Gefahr. Und es kommt noch dazu, dass Swissmedic, die Behörde für Medikamente, sich nun auch noch mit Zimt beschäftigen muss, denn so gesehen, wird ja nun Zimt als Medikament eingenommen. Doch wenden wir den Blick von dem Disput, ob Zimtkapseln nun Nahrungsergänzungsmittel, Lebensmittel oder Medikament ist, ab und werfen wir nochmals einen Blick auf die Diabetiker: Bekanntlich lebt der grösste Teil von ihnen nicht besonders gesund. Ihre Compliance ist bekannt schlecht und sie sündigen in ihrem Verhalten oft. Ärzte und Therapeuten wissen ein Lied davon zu singen. Dies alles sei schulmedizinisch betrachtet. Ob vielleicht die eine oder andere Sünde nicht sogar heilsam ist, müsste nämlich noch genauer untersucht werden. Falls Diabetiker unter der Einnahme von grösseren Mengen Zimt, der vornehmlich aus Cassia stammt, nun tatsächlich wegen der erhöhten Cumarinaufnahme mehr an Krebs erkranken, wäre dies noch kein Grund, gesunden Nicht-Diabetikern Zimtsterne zu verbieten, denn es lassen sich die Resultate eines speziellen Kollektivs, in diesem Fall die Diabetiker nicht ohne weiteres mit einem andern Kollektiv vergleichen.

Cumarin wurde in der Presse mit dem Aufhänger ‚Vorsicht Krebs!' versehen. Dieses Argument ist nachweislich nicht erwiesen. Cumarin wird aber auch im Zusammenhang mit Leberstörungen genannt. Tatsächlich gibt es Fälle, in denen eine toxische Hepatitis nachgewiesen werden konnte. Man weiss bis heute nicht, warum diese in einzelnen Fällen auftritt. Warum Cumarin bei der Metabolisierung in der Leber Probleme machen kann, hängt wahrscheinlich von gewissen genetischen Dispositionen gewisser Patienten ab. Die scheinen über ein Enzymsystem zu verfügen, das sich offenbar von dem anderer Patienten unterscheidet. Doch die Störung ist harmlos: wird auf die Einnahme von cumarinhaltigem Zimt verzichtet, normalisieren sich die Leberwerte wieder. Chemische und natürliche Wirkstoffe, die solche Hepatitiden auslösen, gibt es sehr viele. Schon Panadol, Dafalgan und noch mehr Co-Dafalgan machen das und sie werden in der Schweiz täglich tonnenweise konsumiert. Warum also ein Geschrei um Zimtsterne machen?
Betrachtet man den Zimt und speziell den Cassia-Zimt etwas näher von der chemischen Seite, so dürfte die Bilanz selbst aus schulmedizinischer Sicht nicht schlecht ausfallen: den postulierten negativen Wirkungen, die entweder nicht gravierend oder sogar nicht einmal belegt sind, stehen Wirkungen gegenüber, die durchaus als positiv zu werten sind und möglicherweise noch über der Bewertung von Ceylon-Zimt liegen.

Die schlechten Meldungen zu Cassia-Zimt liessen die Migros ihre Zimtsterne aus dem Gestell entfernen. Wenn die Migros gut daran getan hat, diesen Schritt zu tun, so aus ganz anderem Grund: Die heutige Lebensmittelindustrie ist genau das, was der Name sagt: eine Industrie nämlich, welche mit tausend Tricks versucht, aus Nichts und billigen Komponenten etwas zu machen, das nach Viel aussieht und sich verkaufen lässt. Ich denke, dass die heutige Lebensmittelindustrie für Tausende, bzw. Zehntausende Tote jährlich verantwortlich ist: Transfette, E-Stoffe, hormonähnlich wirkende Substanzen, etc.: Diese synthetischen und halbsynthetischen Stoffe werden heute dermassen häufig eingesetzt, dass sie ein beachtliches Risiko für die Konsumenten darstellen. Auch wenn nicht all diese Stoffe unmittelbar als toxisch gelten, belasten sie unseren Körper und das Immunsystem beträchtlich. Im TCM-Sinne sind das Stoffe, die in etwa den Begriffen ‚feuchtigkeits- und schleimbildende Stoffe', ‚Toxine', ‚echte und Leere-Hitze erzeugende', 'abkühlende Mittel' zuzuordnen sind und dies natürlich nicht in therapeutischer Absicht, sondern im pathologischen Sinn. Im Westen subsummiert der Begriff ‚Schlacken' anschaulich, was damit gemeint sein könnte. Kein Wunder, dass die Leute dann selbst bei konsequenter Einnahme von Light-Produkten nur zunehmen, denn das sind nichts viel anderes als ein Haufen von Stoffen aus den genannten Kategorien. Ich würde mal ohne näheres Hinschauen behaupten, dass Zimtsterne auch ein Sammelsurium von solchen Stoffen sind. Wundern würde es mich nicht einmal, wenn Cumarin sogar als isolierter Stoff beigefügt wurde, denn Cumarin ist von würzigem und angenehmem Geruch und Geschmack und wird tatsächlich für die Lebensmittelindustrie produziert.

Die Hintergrundberichte zu Cumarin enthalten die Bemerkung, dass Zimt in der Küche, auch in der östlichen, nicht in grossen Mengen eingesetzt wird und man daher nicht wisse, wie gefährlich die Langzeitanwendung von Zimt ist. Dieser Aussage muss widersprochen werden. Cassia-Zimt ist Bestandteil der klassischen chinesischen 5-Gewürze-Mischung und wird in Teilen Chinas praktisch täglich und in grossen Mengen gebraucht. Daneben werden Cassia-Zimt-Stangen in vielen Fleischgerichten angewendet. Ich bin sicher, dass Cassia-Zimt in wesentlich höheren Mengen und regelmässiger in der chinesischen Küche benützt wird, als sich westliche Experten vorstellen.
Der Nutzen dieser Anwendung beschränkt sich dabei keineswegs bloss auf die Geschmacksverfeinerung und -verbesserung von Gerichten, sondern hat durchaus auch diätetische, d.h. gesundheitliche Gründe. Sie machen gewisse Gerichte leicht, aromatisieren sie und sie werden bekömmlich. Diese Qualitäten lassen sich ohne weiteres im TCM-Sinn ausdrücken: Toxine durch die Oberfläche ventilierend oder über die Verdauung abführend, pathologische Feuchtigkeit von der Milz ausleitend, die Mitte tonisierend, den Magen harmonisierend, die Leber besänftigend, das Shen beruhigend, die Niere stärkend, Kälte ausleitend, das Qi und das Xue bewegend. Selten trifft man ein pflanzliches chinesisches Arzneimittel mit einem so günstigen und breiten Anwendungsprofil wie Cortex und Ramulus Cinnamomi cassiae.

Achtung bei Cumarin und Blutgerinnung: Cumarin selbst hat keinen Einfluss auf die Blutgerinnung, hingegen Abkömmlinge davon wie zum Beispiel Dicoumarol und andere schon. Wenn die ganze Gruppe dieser Stoffe erwähnt wird, spricht man von Cumarinen. Daher kommt dann manchmal die Begriffsverwirrung oder ein Verständnisproblem. Also: Nicht alle Cumarine wirken blutverdünnend.

So denn: Esst mehr Zimtsterne! (aber backt sie selbst!)