Fachwissen

Aconitum napellusAconitum napelluVor längerer Zeit kam eine Patientin in meine Praxis, die unter rheumatischen Beschwerden litt. Chronische Polyarthritis wurde vermutet. Der Entzündungsparameter BSR (Blutsenkungsreaktion) war stark erhöht. Aktuell waren starke Schmerzen im Schulter- und Hüftring vorhanden und es wurde deshalb zusätzlich von einer Polymyalgia rheumatica gesprochen. In der Verwandtschaft der Patientin gab es viele Ärzte und alle hatten einen Rat parat. Aber die Patientin fürchtete die vorgeschlagenen Mittel (Steroide, Methotrexat, Antimalariamittel, Immunmodulatoren, selektive Immunsuppressiva, TNF-Antagonisten, monoklonale Anti-CD20-Antikörper). Sie kam zu mir und wollte TCM-Kräuter. Ich erklärte ihr, dass die in diesem Fall ziemlich giftig seien, besonders dann, wenn man ein wirklich gutes therapeutisches Resultat erzielen wolle. Sie wollte immer noch TCM-Kräuter. Ich erklärte ihr weiter, dass daran in China schon viele Leute wegen einer Überdosis gestorben seien. Sie wollte immer noch, denn so sei ihr Leben ohnehin nicht lebenswert.

Ich habe damals in einer der Hochburgen für TCM in Sachen Rheumatherapie studiert, nämlich in Chengdu, Provinz Sichuan.
Im Sommer war es feucht und heiss dort und man schaute, dass man in einer Übergangssaison dort studieren konnte, denn im Winter war es kalt und vor allem feucht. Nicht kalt wie bei uns. Das Minimum lag im Winter bei etwa 4°. Das Problem dabei war, dass es in den Häusern keine Heizung gab. Es war also in den Wohnungen ebenso feucht und kalt wie draussen. Es war so, dass man keine herkömmlichen Textilien tragen konnte. Beispielsweise trocknete Baumwolle nie. Und noch schlimmer: die Kälte kroch einem regelrecht in die Knochen. Man spürte das förmlich. Selbst im Bett fühlte man sich nicht wohl, denn es war auch feucht.
Kein Wunder, gab es also in dieser Provinz besonders viele Rheumakranken. Und dementsprechend werden in Sichuan seit Jahrtausenden grosse Anstrengungen unternommen, solche zu behandeln. Und zur Behandlung gehört Aconit (Fu Zi). Und man gab ihn in rauen Mengen.

Jedem Experten, jedem Toxikologen werden sich die Nackenhaare sträuben, wenn
er nun die Standardrezeptur liest:

NYBG AconitumNYBG Aconitum
  • NYBG Aconitum
  • Radix Aconiti (Fu Zi) 10-150 g
  • Radix Aconiti kusnezoffii (Zhi Cao Wu) 10-150 g
  • Radix Aconiti (lokale Art) 10-150 g
  • Ramuli Cinnamomi (Gui Zhi) 15-50 g
  • Radix Asari (Xi Xin) 6-10 g
  • Rhizoma Zingiberis (Gan Jiang) 10-50 g
  • Radix Glyzyrrhizae melle tosta (Zhi Gan Cao) 30-50 g
  • Honig 50-100 g

Wohlgemerkt handelt es sich bei den Mengenangaben um Tagesdosen, mitunter also 450 g von diversen Aconit-Arten täglich!!
Diese Formel wurde in je nachdem abgeänderter Form bei rheumatischen Krankheiten (Bi) vom Kältetyp gegeben.

Meine Patientin bestand darauf, dass ich diese Formel auf sie anwende und ich begann mit einer tiefen Tagesdosis, die täglich gesteigert wurde. Die Patientin wurde instruiert, was zu tun sei, falls sie Nebenwirkungen zu spüren beginne. Die Intoxikation meldet sich mit einem Taubheitsgefühl der Zunge und in den Extremitäten. Bei höherer Dosis können dann ernsthafte Herzrhythmusstörungen auftreten, die zum Tode führen können. Auch sind zentral-nervöse Störungen häufig: Unruhe, Schwindel, Sehstörungen.
Ich stand in ständigem Kontakt mit der Patientin. Nach wenigen Tagen meldeten sich die Angehörigen der Patientin, es gehe ihr schlecht und es wurden einige der oben erwähnten Symptome beschrieben. Die Patientin, die in meinem Quartier wohnte, wurde in meine Praxis getragen. Sie war nicht mehr gehfähig. Das Herz schlug arrhythmisch, der Kreislauf war instabil, die Unruhe war gross, die Patientin musste sich sehr schlecht fühlen. Kurz: die Situation war dramatisch.
Ich verabreichte nach Feststellung von Arrhythmien mittels EKG und Kreislaufinstabilität als Spritze Atropin und das half, obwohl die Angaben zu dessen Verwendung nicht in jedem Fall einen eindeutigen Nutzen zu bringen scheinen. Überhaupt ist kein eindeutiges Behandlungsschema zur Therapie einer Aconit-Intoxikation zu finden. Auch hiesige toxikologische Institute können kein solches nennen. Man rät, symptomatisch zu behandeln, was immer das auch heissen mag. Und es heisst wohl: Je nach Vorliegen des einen oder andern Symptoms Intensivüberwachung, Volumensubstitution, Kreislaufüberwachung, Bereitschaft zur Reanimation, Intubation, künstlicher Beatmung …
Ich habe in meiner Ausbildungszeit als Anästhesist und Arzt auf Intensivstationen gearbeitet und war mir solche Situationen gewöhnt. Ich bin aber der Ansicht, dass keiner, der nicht eine solche Ausbildung hat, sich auf ein solches Experiment einlassen sollte.
Was kaum anzuraten ist, ist die Behandlung der Intoxikation gemäss den traditionellen Empfehlungen der TCM: Eine Suppe mit Ingwer etc. kochen. Bis dieses Getränk bereit ist, dürfte der Patient längst verstorben sein. Ziemlich unverständlich ist für mich, dass diese Empfehlung noch immer in Büchern steht und sogar unkritisch von selbsternannten Koryphäen wie John Chen, seines Zeichen Experte in toxikologischen Fragen, munter rezipiert wird. Ein Haftpflichtprozess würde so unweigerlich verloren.

Nur kurz noch zu meiner Patientin. Sie ist seit jenem Moment von ihrem jahrelangen Rheuma tatsächlich geheilt und das ist nun schon mehrere Jahre her.

Das sagen auch die Rheumatologen in Chengdu: Die therapeutische wirksame Dosis liegt nahe bei der toxischen, bzw. vielleicht in einigen Fällen sogar jenseits der toxischen. Mitunter wirkt also genau diese Vergiftung heilsam. 

Aconitum napellus

Nun wird aber Aconit (Fu Zi) nicht nur bei Rheuma gebraucht, sondern bei Fällen, bei denen ein Kälte-Pathogen im Innern eingeschlossen ist. Ein Eisklumpen im Innern schwächt das Yang-Qi, was viele Folgen nach sich zieht.
Gemäss der Meinung einer ganzen TCM-Schule, die in der Schweiz viele Anhänger hat, ist diese Situation hierzulande aus klimatischen, ernährungstechnischen und andern Gründen überaus häufig anzutreffen und Aconit braucht es unbedingt, um diese Zustände zu beheben. 

Produkte von Complemedis sind auf Aconitin-Gehalt geprüft. Der Inhaltsstoff Aconitin gilt als Hauptverantwortlicher für die Toxizität von Fu Zi. Die PPRC (Pharmakopöe der Volksrepublik China) schreibt Minimum- und Maximum-Gehalt an Aconitin vor. So braucht es sehr grosse Mengen von Granulatextrakt, bis ein toxikologisches Risiko auftritt. Vorsicht ist dennoch geboten, denn es können individuelle Situationen vorliegen, bei denen empfindliche Personen bei im Vergleich zu andern Personen deutlich niedrigeren Dosen reagieren. Selbstverständlich sind wir bei Complemedis AG interessiert, dass uns Zwischenfälle gemeldet werden. Schwerere Zwischenfälle müssen zudem auch der Swissmedic gemeldet werden. Das entsprechende Formular finden Sie hier.

 

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