Fachwissen

Und was von allen diesen wird denn überhaupt in der TCM verwendet? Wer blickt da noch durch, wer hat da noch eine Ahnung von Botanik?

In der TCM sind folgende Produkte aus der grossen Zitronen-Orangen-‚Familie’ im Gebrauch:

Tabelle TCM Zitronen-Orangen-Familie 

Orange

Weitere Begriffserklärungen:

  • Mandarine ist Citrus reticulata
  • Orange ist Citrus x aurantium oder, wissenschaftlich: Citrus aurantium L. var. sinensis L. oder Citrus sinensis (L.) OSBECK.
  • Zitrone ist eine Kreuzung von Bitterorange (Citrus x aurantium) und Zitronatzitrone (Citrus medica). Bitterorange war ihrerseits bereits eine Kreuzung s.u.
  • Grapefruit  (deutsch: Paradiesapfel) ist eine Kreuzung zwischen Orange (Citrus x aurantium) und Citrus maxima.
  • Pomeranze ist die Bitterorange, die ein Hybrid aus Pampelmuse (Citrus maxima) und Mandarine (Citrus reticulata) darstellt.
  • Pampelmuse ist Citrus maxima und ist ein Elternteil von Orangen, Grapefruit und Pomelo. Mit Pampelmuse wird aber auch oft die Grapefruit bezeichnet.

Die Zitronatzitrone war die erste Frucht, die im Westen bekannt wurde und es handelte sich dabei um Citrus medica. Eine Variation davon ist Fingercitrus =  Fo Shou = Citrus medica L. var. sarcodactylis.

Und, zum weiteren besseren Verständnis:

Citrus x aurantium sind Kreuzungen zwischen Mandarine und Pampelmuse und die werden in folgende Sortengruppen eingeteilt:

  • Orangen-Gruppe
  • Clementinen-Gruppe
  • Grapefruit-Gruppe
  • Bitterorangen-Gruppe
  • Pomelo-Gruppe
  • Satsuma-Gruppe 

Sie vermissen sicher die Kumquats, nicht wahr?

bild226052009Die haben nichts mit Citrus oder Aurantium zu tun, aber natürlich besteht eine Verwandtschaftsbeziehung, indem sie auch zur Familie der Rutaceae (Rautengewächse) gehören. Aber innerhalb dieser Familie bilden sie eine eigene Gattung, heissen nämlich Fortunella, z.Bsp F. japonica oder F. margarita etc..

Übrigens: kennen Sie Ruta? Ruta lernte ich als Jugendlicher kennen, als mir einmal ein Italiener einen Grappa anbot, in welchem ein Kraut eingelegt war. Bedeutungsvoll schenkte mir der Italiener ein Gläschen ein, als ich fragte, um was für eine Pflanze es sich da handle, was da im klaren Wässerchen schwimme. Eben Ruta, meinte er. Der Schnaps hatte einen eigenartigen Geruch und Geschmack. Ruta sei hilfreich gegen den bösen Blick (it. malocchio).

Später stellte ich fest, dass es sich um Ruta graveolens handelte und, wie der Name es antönt, ist das auch ein Vertreter der Familie Rutaceae. Zu Deutsch heisst das Kraut ganz einfach Raute.

In der klinischen Anwendung der Schalen oder der ganzen unreifen Früchte von Citrus/Aurantium kann man festhalten, dass die mildeste Wirkung Chen Pi zugesprochen wird, danach folgt Qing Pi, dann Zhi Ke/Zhi Qiao und schliesslich Zhi Shi.

Chen Pi ist als mildestes Mittel wirksam bei Magen-Qi-Problemen mit Nausea, Erbrechen, schlechtem Appetit und einer Spannung im Abdomen.

Es wärmt leicht. Auch längerer Gebrauch führt kaum zu negativen Wirkungen.

Chen Pi wirkt milzstärkend, es trocknet Feuchtigkeit und transformiert Schleim. Chen Pi und Qing Pi stammen von der gleichen Frucht ab, nämlich von der Mandarine. Chen Pi ist das reifere Stadium dieser Frucht. Reifer heisst auch, dass es dem reiferen Stadium des Elementes Erde, also der Milz entspricht. Qing Pi repräsentiert als unreife Mandarine eher den Frühling und die dazugehörenden Organe Leber und Gallenblase bzw. das Holz-Element.

Qing Pi hat eine stärkere Wirkung auf das Qi, nämlich nicht nur auf dasjenige des Magens, sondern auch der Leber. Es wirkt gut bei Schmerzen unter den Rippenbögen, Brustschmerzen und es hilft also bei Leber-Qi-Stagnation. Es regt das Qi an, führt es aber nicht nach unten. Wendet man es zu lange an, kann es das Yin schwächen.

Zhi Ke/Zhi Qiao hat eine stärkere Wirkung als die vorherigen zwei Mittel. Es bewegt das Qi vom mittleren Erwärmer her und wirkt nach oben und unten. Es reguliert Disharmonien zwischen Leber und Magen oder Leber und Milz. Auch dieses Mittel wirkt noch relativ mild.

Aurrantii, Fructus immaturus - Zhi ShiDie stärkste Wirkung geht von Zhi Shi aus. Es findet Anwendung bei Völlezuständen im Thorax- und Magenbereich mit Symptomen wie epigastrischem Völlegefühl und starker Spannung im Abdomen. Es führt auch rebellierendes Lungen-Qi (Asthma!)  nach unten. Den Dickdarm regt es auch an und es wirkt so leicht abführend und kann zu diesem Zweck bei Bedarf mit Rhizoma Rhei kombiniert werden. Es kommt erst zur Anwendung, wenn im Magenbereich ein starker Stop vorhanden ist, der auf Druck noch schlimmer wird. 

Zhi Ke/Zhi Qiao und Zhi Shi führen das Qi nach unten, d.h. sie führen gleichzeitig das rebellierende Qi nach unten und das wahre Qi nach oben. In dieser Funktion können die Mittel sogar bei Prolapsen gebraucht werden.

Zhi Ke/Zhi Qiao und Zhi Shi stammen ihrerseits von der gleichen Pflanze ab, aber sie repräsentieren verschiedene Reifestadien der Bitterorange. Zhi Shi ist die unreife Form. Sowohl Zhi Ke/Zhi Qiao als auch Zhi Shi brechen Qi-Stasen auf, aber beide wirken an verschiedenen Orten, nämlich Zhi Ke/Zhi Qiao Im Bereich Thorax, Zwerchfell, Haut, Körperhaar, dagegen Zhi Shi an Herz, Abdomen, Milz und Magen.

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