Fachwissen

Ein viel geachteter Parasit - rar und doch so zahlreich

Ein kurzer Bereicht zur Identifikation von Loranthus - Taxillus - Viscum (Sang Ji Sheng).

Hierzulande ist die Mistel (Viscum album) das bekannteste Beispiel für eine Pflanze, die auf einer andern parasitiert. In der TCM wird der Halbparasit Sang Ji Sheng (wörtlich: der Parasit von Sang Ji = Maulbeerbaum) seit langem als ausserordentlich nützliches Mittel angesehen. Betrachtet man näher, welche botanischen Arten hier verwendet werden, so kommt man auf verschiedene Quellen, die als Lieferanten für Sang Ji Sheng in Frage kommen. Bei allen handelt es sich ebenfalls um Halbparasiten, aber bereits die englische Übersetzung (taxillus, mulberry mistletoe stem, misteltoe) lässt ahnen, dass da ganz unterschiedliche Arten Verwendung finden.

In der Tat wird fast nie der gemäss chinesischer Pharmakopöe vorgeschriebene Taxillus chinensis gehandelt, sondern auch andere Loranthusarten. Linné übrigens, der Begründer des botanischen Ordnungssystems und der wissenschaftlichen Nomenklatur nach Gattungs- und Artnamen, hat Vieles unter Loranthus subsummiert, was heute so nicht mehr gültig ist. Somit ist der andere Name für Taxillus chinensis, nämlich Loranthus chinensis, ein vager Begriff, weil er suggeriert, dass alle Pflanzen, welche einer Gattung Loranthus zugehörig sind, sehr nahe verwandt seien. Zum Beispiel Scurrula parasitica, mit altem Namen Loranthus parasiticus oder Taxillus nigrans (alt: Loranthus nigrans). Die Verwandtschaftsbeziehung ist zwar vorhanden, aber nicht so nah, wie das Linné meinte. Die Familienbezeichnung Loranthaceae ist aber sicher richtig. Man erinnere sich der Hierarchie: Familie kommt vor Gattung und Gattung kommt vor Art (Spezies).

Die chinesische Pharmakopöe führt neben Herba Taxilli auch eine Monografie Herba Visci (Hu Ji Sheng) auf. Der Unterschied in der Wirkung von Sang Ji Sheng und Hu Ji Sheng ist nicht gross. Beide Mittel vertreiben Wind-Feuchtigkeit, tonisieren Leber und Niere, stärken Sehnen und Knochen und beruhigen den Fötus. Graduell wirkt aber Sang Ji Sheng besser auf Leber, Niere und Ren-Mai, mitunter auch bei Blutungen während der Schwangerschaft. Hu Ji Sheng dagegen ist stärker im Lösen von schmerzhaften Obstruktionen bei Invasion von Wind-Feuchtigkeit.

Echten Taxillus chinensis zu erhalten, ist ein schwieriges Unterfangen. Es gibt viele Verfälschungen, denn der auf Maulbeerbäumen wachsende Parasit ist rar. Nicht selten wachsen verschiedene Parasiten auf einem einzigen Wirt und die chinesischen Sammler werfen alles in den gleichen Sack. Äusserst schwierig gestaltet sich daher die botanisch korrekte Identifikation einer erhaltenen Charge. Sie ist sogar so schwierig, dass man in den meisten Fällen, wo jemand behauptet, die Lieferung identifiziert und für korrekt befunden zu haben, sagen darf, dass es sich um einen Irrtum oder eine bewusste Täuschung handelt. In der Phytax GmbH, einem Unternehmen mit viel Erfahrung bei der Identifikation von TCM-Arzneimitteln, mussten die Spezialisten nach jahrelangen intensivsten Bemühungen klein beigeben. Sie sind sich einig, dass es mit vertretbarem Aufwand nicht möglich ist, dieses Mittel korrekt zu identifizieren. Selbst die Extraktion von sequenzierbarer DNA zur molekularbiologischen Identifizierung misslang renommierten Laboratorien, die sie bemühten. Fazit ist, dass 90% aller bisher bei Complemedis eingegangenen Chargen an Taxillus die Kriterien einer Produktfreigabe leider nicht erfüllten.

Nach diesem Entscheid stellte sich für Complemedis die Frage, ob man ein Risiko eingehe, wenn nicht näher definierte Ware gehandelt wird. Und diese Frage erwies sich als äusserst klug, denn wir haben es ja hier mit Hemiparasiten zu tun, welche von einem Wirt leben. Unsere Nachforschungen ergaben, dass praktisch alle diese Hemiparasiten auf vielen verschiedenen Wirten vorkommen. Deshalb bemühten wir einen Spezialisten und stellten ihm die Frage, ob denn das Inhaltsstoffspektrum je nach Wirt wechseln könne. Die Frage wurde nicht nur bejaht, sondern unsere Befürchtung, dass damit vielleicht auch toxische Stoffe vom Wirt in den Parasit übergehen, bewahrheiteten sich. Es wurde uns sogar klar beschieden, dass solche toxischen Stoffe unter Umständen im Parasit akkumulieren. Da war guter Rat teuer und wir mussten uns plötzlich nicht nur überlegen, ob das Mittel denn auch so wie gewünscht wirkt, sondern, ob es vielleicht sogar schaden könnte. Und genau das war nicht mit Sicherheit auszuschliessen.

Der Ausweg aus diesem Dilemma war schliesslich der, dass man sich entschloss, Viscum coloratum näher zu studieren. Es zeigte sich nach vielen Recherchen und eigenen Untersuchungen, dass das Toxizitätspotenzial beschränkt werden kann. Aufgrund der leichten Identifizierbarkeit, der unproblematischen botanischen Aktivität dieser Pflanze und ihrer Wirte, die uns mittlerweile alle bekannt sind und die wir zusätzlich begutachteten, resultierte eine unter dem Strich positive Beurteilung.

Für Sie bedeutet dies, dass Sie Sang Ji Sheng getrost verordnen können. Viscum coloratum wird seinen Dienst mit grösster Wahrscheinlichkeit in dem von Ihnen gewünschten Sinne tun.

Complemedis AG, Leinfeldstrasse 59, CH-4632 Trimbach, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!